Humboldts lebendiges Erbe

Das Museum für Naturkunde Berlin feiert den 250. Geburtstag Alexander von Humbodts unter anderem mit einer Ausstellungsintervention und einer Buchpublikation. Einer ihrer Herausgeber, Dr. Ferdinand Damaschun, Kristallograph, Mineraloge, ehemaliger Ausstellungsleiter und stellvertretender Generaldirektor am Museum für Naturkunde Berlin, wiederholte im Vorfeld Teile der legendären Russlandexpedition des Geographen und Naturforschers – gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Bergakademie Freiberg und der Gorny Universität in St. Petersburg.

Humboldt erklärte „die Erforschung der Natur als ein Ganzes und das Sammeln der Beweise von dem Zusammenwirken der Naturkräfte“ zu seiner Lebensaufgabe. Das Lebenswerk Humboldts, seine Sammlung und die Arbeit des Museums für Naturkunde Berlin unter dem Motto #fürnatur bilden so eine natürliche Symbiose. Daher ist Humboldts Handschrift auch Teil des Logos des integrierten Forschungsmuseums. „Drei Wochen sind keine lange Zeit um große Entdeckungen zumachen, aber es wird der Auftakt für weiteren Studien, Recherchen und kooperative Arbeiten sein. Um zu wissen, wo man ankommen will, muss man zuerst wissen, woher man kommt und wo der Ausgangspunkt war“, beantwortete Ferdinand Damaschun die Frage nach seinen persönlichen Erwartungen an die Reise.


Unter dem Motto „Das lebendige Erbe Alexander von Humboldts“ hielten die Reisenden im Jahr 2019 in verschiedenen russischen Städten Vorträge und drehten Filme, die später in Deutschland und Russland gezeigt werden. Unterwegs interessierten natürlich besonders jene Orte, an denen Humboldt gearbeitet hat, zum Beispiel Omsk und Tobolsk. Bis zum Altai und nach Kasachstan führt die Reiseroute Damaschun, mit Bahn und Auto. Humboldt, damals schon Mitte 60, legte in acht Monaten gemeinsam mit seinen Begleitern Gustav Rose und Christian Gottfried Ehrenberg durchschnittlich 70 Kilometer pro Tag in der Kutsche zurück. Nachts wurde gefahren, tagsüber gearbeitet. 

Für Ferdinand Damaschun war das Hauptziel der Reise, die Kooperation zwischen russischen und deutschen Geologen zu fördern und zu festigen – sowie das Erbe Humboldts in Russland wieder bekannter zu machen. Auf den folgenden Seiten berichtet er im Stile eines Tagebuchs von den Erlebnissen der Reisegruppe – und ihre Begegnungen mit Humboldts Spuren.

Dr. Ferdinand Damaschun (rechts) mit Kolleginnen und Kollegen der Bergakademie Freiberg.


Tag 1: Abreise nach St. Petersburg

Es geht los! Professor Heide und Co. von der Bergakademie Freiberg haben mich adoptiert. In anderthalb Stunden startet unser Flieger in Richtung St. Petersburg. Ich bin gespannt was uns erwartet.

Tag 2: Konferenz in der Gorny-Universität

Heute direkt eine kleine Konferenz in einem großen Saal. Ich habe über Humboldts Minerale gesprochen, von denen mehr als 1.100 Teil der Sammlung im Museum für Naturkunde Berlin sind. Im Austausch mit dem Rektor der Gorny-Universität über die künftige Zusammenarbeit gesprochen. Nach einem üppigen Bankett sitze ich im Hotel und warte auf den Transfer zum Flughafen.

Tag 3: Weiter nach Tjumen

Nach einem langen Nachtflug sind wir in Tjumen angekommen: kurzer Schlaf, Museen, Museen und nochmals Museen. Danach ein Rundtischgespräch und gemeinsamer Abend in einem Restaurant. Gegen elf Uhr todmüde in einen komaartigen Schlaf gefallen.

Tag 4: Zu Gast in Tobolsk

Nach 250 Kilometern auf guter Straße in Tobolsk, der ehemaligen Hauptstadt Sibiriens. Gleich nach der Ankunft habe ich einen Vortrag in einem Gymnasium gehalten. Der vorgesehene Raum war überfüllt. Die Schüler sind ungewohnt diszipliniert, sehr aufgeschlossen und haben viele Fragen gestellt. Danach zu einem Gespräch mit Vertretern der Stadt, darunter auch ein Mönch. Wurde spontan aufgefordert, wieder über Alexander von Humboldt zu sprechen. Rege Diskussion.

Auf dem Tobolsker Kreml.

Tag 5: Exkursion bei Tobolsk

Heute ging es erstmalig in die Natur. Wir bestiegen ein Boot auf dem Irtysch und fuhren mit 450 PS zu den schon von Gustav Rose beschriebenen Steilufern. Diese Löß-Wände sind sehr beeindruckend. Die Freiberger haben Proben genommen und sind dabei fast knietief in den Lößschlamm eingesunken. Dann ging es auf eine Flussinsel an die Stelle, wo Humboldt und Co. zusammen mit dem Generalgouverneur von Sibirien, Weljaminow, Tee getrunken haben. Wir haben es ihnen gleichgetan.

Nach gut drei Stunden hatten wir wieder festes Land unter den Füßen, und nach einem Lunch teilte sich die Gruppe. Ein Teil besuchte die Reste eines Glaswerks, das den Eltern des hier geborenen Mendelejew gehörte. Der andere Teil – zu dem auch ich gehörte – besuchte eine Bibliothek mit seltenen, alten russischen Büchern und (natürlich) wieder ein Museum. Danach eine Stadtrundfahrt mit der Suche nach der Humboldt-Straße, die es offensichtlich in der schnell wachsenden Stadt erst auf dem Plan gibt. Wo sie sein soll, wachsen zurzeit jedenfalls nur Birken. Das Haus, in dem Humboldt übernachtet hat, existiert nur noch als Dreiviertel-Ruine. Schade.

Unterwegs auf dem Irtysch.

Tag 6: Weiter durch Sibirien

Heute war ein typischer Überführungstag, von denen auch Alexander von Humboldt und Co. etliche hatten. Man denke nur an die Durchquerung der Barabinskischen Steppe, wo man wegen der Sibirischen Pest (Milzbrand) mehrere Tage die Kutschen nicht verlassen konnte.

Insgesamt also fast 500 Kilometer nach Osten. Das ist wieder eine Zeitzone, das heißt plus vier Stunden gegenüber Berlin. Die Landschaft wechselt von Birkenmischwäldern zu Steppen mit „eingelagerten“ Birkenwäldchen und Steppenseen. Im kleinen Ort Abatzk Besuch eines Museums mit bemerkenswerten eiszeitlichen Fossilfunden: Mammuts, Nashörner, Pferde und viele andere. Natürlich wieder ein Gruppenfoto – diesmal auch für die örtliche Presse.

Wir wechseln die Spurensuche. Peter Simon Pallas hat gut 50 Jahre vor Alexander von Humboldt hier die sibirische Natur erforscht. Noch einmal gut 150 Kilometer weiter nach Krutinka an den See Ik. Der ist größer als der Müggelsee, allerdings wie viele Steppenseen sehr flach, wie Professor Heide beim Schwimmen feststellen musste. Unsere Mückenmittel müssen ganze Arbeit leisten. Russische Kollegen haben hier am örtlichen Museum eine Tafel für Peter Simon Pallas angebracht.

Sibirischer Birkenwald.

Tag 7: Exkursion nach Panowo

Weiter auf den Spuren von Peter Simon Pallas. Ein sehr russischer Tag. Warum russisch? Wir haben vieles gemacht, was Russen lieben. Aber der Reihe nach.

Zuerst gut 100 Kilometer mit dem Bus ins Dörfchen Panowo. Besuch des Schulmuseums. Wie fast alle Museen hier – und es gibt in nahezu jedem Dorf eines – haben sie eine Sammlung von glazialen Wirbeltierknochen. Danach ein sehr tolles Mittagessen; natürlich mit dem obligatorischen Borschtsch. Umstieg in geländegängige Autos und nach weiteren zehn Kilometern Fahrt fünf Kilometer Fußmarsch zu einem Naturschutzgebiet mit dem Namen Peter Simon Pallas.

Humboldt hat behauptet, dass Sibirien nicht anderes sei, als die verlängerte Hasenheide bei Berlin. Und tatsächlich könnten die Wälder auch in einer kieferbestandenen Endmoränen-Landschaft nördlich von Berlin stehen. Mitten im Wald gab es ein russisches Picknick mit lauter selbstgemachten Köstlichkeiten: verschiedene eingelegte Pilze, Gurken, Tomaten und Fische, tolles Brot und erstmals auf unserer Reise auch Wodka, 50-prozentigen Selbstgebrannten. Nach vielen Trinksprüchen ging es die fünf Kilometer zu Fuß zum Auto und dann wieder zum Hotel. Zum Tagesabschluss dann noch in die Banja, das ist die russische Variante der Sauna. Morgen um acht Uhr geht es weiter.

Tag 8: Zurück auf Humboldts Spuren

Am Morgen zur Einstimmung ein Museumsbesuch: ein Heimatmuseum. Es gibt hier das nördlichste Vorkommen von Pelikanen, die der Rayon auch im Wappen führt. Dann wechseln wir von Pallas wieder zu Humboldt. Nach vielen Hundert Kilometern Piste erreichen wir durchgeschüttelt Bolschije Uki, das früher Ribnoje hieß und am alten Sibirski-Trakt – das ist die alte Straße, die seit dem 18. Jahrhundert Moskau mit dem Baikalsee verbindet – liegt. Es gibt dort (natürlich) ein Museum, das auch und vor allem das Leid beschreibt, das Verbannte auf dieser Straße erleiden mussten. Vor der Führung durch den Direktor (natürlich mit dem obligatorischen Zeigestock) wurden wir mit einem köstlichen russischen Lunch empfangen. Ich fürchte, ich nehme auf der Reise mehrere Kilogramm zu.

Auch Humboldt nahm diesen Weg. Am Museum ist eine Gedenktafel angebracht. In Roses Reisebericht findet der Ort keine Erwähnung; man befand sich ja auf dem Weg von Tobolsk in den Altai und wollte möglichst schnell vorankommen. Die circa 1.500 Kilometer bewältigte man in nur neun Tagen.

Der Rayon, dessen Hauptstadt Bolschije Uki ist, ist so groß wie Zypern, hat aber nur 19 Dörfer und ist mit weniger als einem Bewohner pro Quadratkilometer extrem dünn besiedelt. Er besteht zu einem großen Teil aus Steppen, die aber nicht trocken, sondern sumpfig sind. Auch das hat schon Rose verwundert, er verglich sie mit unseren Luchs. Vor zwei Jahren wurden hier im Winter minus 47 Grad (!) gemessen. Die Natur ist hier – Ende Mai – deutlich zurück. Es blühen die Apfelbäume und man beginnt die Felder zu bestellen.

Humboldt-Gedenktafel in Bolschije Uki.


Tag 9: Ankunft im Omsk

Heute strahlt die Sonne. Zuerst wieder das obligatorische Museum mit einer naturhistorischen und einer historischen Abteilung. 15 Mitarbeiter und 8.000 bis 9.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Darunter viele aus Deutschland, deren Vorfahren unter Stalin auch hierher umgesiedelt wurden. Dann noch 300 Kilometer auf  anfangs sehr schlechter, aber – je näher wir Omsk kamen – dann doch immer besser werdender Straße. Die mitreisende Limnologin nimmt zwischendurch immer wieder Proben.

Omsk liegt am Irtysch, einem sehr breiten Fluss. Wir wohnen direkt an der Uferpromenade. Morgen wird sich die Gruppe teilen. Andrea, die Kollegin aus Freiberg, unsere Dolmetscherin Ksenia, Viktor, der die Reise geplant hat, und ich bleiben in Omsk. Wir wollen hier Vorträge halten. Der Rest der Gruppe macht sich auf den Weg in den Altai: Morgen 800 Kilometer und übermorgen „nur“ 250. Wir kommen mit dem Zug nach und überholen sie dennoch.

Tag 10: Vorträge in Omsk

Omsk gehört mit seinen 1,16 Millionen Einwohnern zu den größten Städten Russlands. Und liegt wie auch Tobolsk am Irtysch. Humboldt weilte hier auf der Rückreise aus dem Altai vom 25. bis zum 28. August 1829. Im Ortskern gibt es schöne alte Häuser, ansonsten dominieren die hier Chrustschows genannten Neubauten aus der Sowjetzeit.

Nach dem Frühstück die tägliche Dosis Museum. Das hiesige Landesmuseum ist gut gemacht und hat sogar eine mineralogische Abteilung: klein und fein. Am Nachmittag halten Andrea und ich Vorträge im Deutsch-Russischen Haus in Omsk. Das Publikum bestand zum  Teil aus älteren Frauen und Herren, die sich selbst als Deutsch-Russen bezeichnen. Die meisten sprechen ein „Relikt-Deutsch“, manche einen herrlichen, dem Schwäbischen entstammenden Dialekt. Alle sind hierher unter Stalin von der Wolga „umgesiedelt“ worden. Der Empfang war sehr, sehr herzlich und alle waren sehr aufmerksam und stellten viele Frage. Viele brachten ihre Sehnsucht nach besseren deutsch-russischen Beziehungen zum Ausdruck. Und betonten, dass solche Reisen ein wichtiger Schritt dabei wären.

Tag 11: Aufbruch gen Altai

Wir waren früh im örtlichen Kunstmuseum (wo sonst!). Sehr schön: Sie schreiben, dass sie die Eremitage Sibiriens sind bzw. werden wollen. Dann Abschied von Viktor, der die Reise initiiert hat. Er muss aus gesundheitlichen Gründen zurückbleiben – aber er hat auch einen zweiten Wohnsitz in der Nähe von Omsk. Vom Bahnhof fahren wir 13 Stunden lang im Schlafwagen des Zuges Moskau – Barnaul in die Hauptstadt der Altairegion.

Am Bahnhof von Omsk.

Tag 12: Ankunft in Barnaul

Ankunft um 5:30 Uhr in Barnaul. Nach dem Frühstück Treffen mit Alexander Redkin, einem der Expeditionsteilnehmer von 1995. Sehr emotional, wir haben uns auch schon vor 25 Jahren sehr gut verstanden. Sascha ist an der geographischen Fakultät der hiesigen Universität und beschäftigt sich mit dem Tourismus, speziell im Altai. Wir sind beide älter geworden!

So langsam erkenne ich alles wieder. Auf einem Berg bei der Stadt haben wir das Grab von Friedrich August von Gebler besucht. Er war Arzt und Naturforscher und hat sich mit Humboldt, Rose und Ehrenberg hier getroffen. Von dort hat man einen fantastischen Blick über die Stadt.

Am Nachmittag dann straffes Programm: Die Reste der ehemaligen Barnauler Schmelzhütte (hochinteressant!), das Regionalmuseum (in dessen Gästebuch ein originaler Eintrag von Humboldt), Besuch der historischen Bergapotheke (so lala), festliches Essen (sehr gut), Stadtrundgang. Puh!

Ferdinand Damaschun (links) und Alexander Redkin in Barnaul. 
Gästebucheintrag Humboldts im Regionalmuseum von Barnaul.

Tag 13: Ankunft in Smeinogorsk

Wir fahren gen Süden in Richtung Altai. Langsam ändert sich die Landschaft. Die Birken weichen Pappeln und auch die werden immer seltener. Wir erreichen die Steppe. Sie hat hier einen ganz anderen Charakter als in Westsibirien: Grasland, soweit das Auge blickt und zum Teil landwirtschaftlich genutzt.

Auch ist hier der Frühling viel weiter fortgeschritten als in Omsk, Tobolsk oder Tjumen.  Es ist sommerlich warm. Auf guten Straßen erreichen wir nach circa 250 Kilometern den Kolywan-See. Hier gibt es die berühmten auch von Rose beschriebenen Granitfelsen, ein klassisches Beispiel für Wollsackverwitterung. Auf den nassen Wiesen blühen Trollblumen. In der Dunkelheit erreichen wir schließlich Smeinogorsk.

Felsformation auf dem Weg in den Altai.

Tag 14: Kolywan und Kolywansee

Der Tag war vollgepackt, aber auch sehr mineralogisch. Zuerst circa 80 Kilometer nach Kolywan. Bei einem kurzen Zwischenstopp zeigt sich, dass diese Steppen sehr blumenreich sind – kleine Iris, weiße Anemonen und viele andere. In Kolywan zuerst ins Museum. Hier wird die Geschichte der berühmten Steinschleiferei erzählt und deren Technologie erklärt. Sie steckt voller technologischer Innovationen auf Wasserkraftbasis. Überhaupt nötigt einem die Logistik im russischen Reich Erstaunen aus. Wir sind rund 6.000 Kilometer von St. Petersburg entfernt. Und man hat hier viele Tonnen schwere Steinschalen gefertigt, sie dann im Winter in den Ural „geschleppt“, um sie dann auf dem Wasserweg nach St. Petersburg zu transportieren. Herstellung und Transport haben teilweise mehr als 15 Jahre in Anspruch genommen. Im Museum gibt es aber auch feinste sogenannte „Florentiner Mosaike“, das sind Steinbilder von uns bekannten Persönlichkeiten.

Danach die Steinschleiferei selbst. Hier werden diese Mosaike noch heute in langwieriger Handarbeit gefertigt und kosten dann circa 400.000 Rubel pro Quadratmeter. Sie verwenden seit über 200 Jahren die gleichen Materialien. In einem anderen Teil werden Granite unter anderem zu Treppenstufen verarbeitet, aber auch immer noch Vasen und Schalen gefertigt. 1995 lag die Schleiferei am Boden, heute ist sie wie ein Phönix aus der Asche auferstanden – bemerkenswert.

Dann zurück mit Stopp am Kolywansee mit seinen berühmten Felsformationen. Am Ufer findet man die Früchte der hier wohl endemischen Wassernuss, seltsam geformte Früchte. Zum Tagesende dann noch Besuch der historischen Bergwerksanlagen vom Schlangenberg, der heute ein großes Loch ist. Im Zweiten Weltkrieg hat man die historischen Bergwerksanlagen durch einen Tagebau ersetzt, um Baryt zu gewinnen. Das Loch in der Landschaft sieht zwar nicht schön aus, ermöglicht einem jedoch einen guten„Einblick“ in den historischen Bergbau. Nach kurzem Besuch am Grubenteich zurück in unser Quartier.

Morgen geht es weiter nach Kasachstan in ein Bergbaurevier, das auch Humboldt bereist hat.

Tag 14: Aufbruch nach Kasachstan

Nach einer kurzen Nacht fahren wir zum ehemaligen Bergwerk Lasursky, circa 25 bis 30 Kilometer entfernt von Schlangenberg. Es liegt inmitten wunderschöner Nadelwälder. In ihm wurden zwischen 1762 und 1874 unter anderem 2.940 Tonnen Kupfer und 1,2 Tonnen Silber gefördert. In der Sowjetunion hat man es wie viele alte Gruben neu aufgewältigt, allerdings nicht untertägig, sondern als Tagebau. Das sieht zwar nicht schön aus, hat aber den Vorteil der heutigen guten Zugänglichkeit. Auf Klüften kann man herrliche Sekundärbildungen von Azurit und Malachit sehen. Auch die Reste alter Schächte sind deutlich zu erkennen. Die Freiberger haben schnell noch Proben an der Erzwäsche genommen, ein Gewitter zieht auf. Nach der Rückkunft im Regen schnell noch ins Smeinogorsker Bergbaumuseum.

Zurück ins Hotel. Dort warten wir auf die Busse nach Kasachstan. Bis Ust-Kamenogorsk in Kasachstan sind es nur„läppische“ 200 Kilometer. Der Grenzübertritt ist problemlos: Für das Land braucht man kein Visum, nur etwas Zeit bei der Grenzabfertigung (circa eine Stunde).

Am ehemaligen Bergwerk Lasursky, Altai.

Tag 15: Ust-Kamenogorsk und Ridder

Wir brechen früh nach Ridder auf, einer circa 120 Kilometer von Ust-Kaminogorsk entfernten Bergbaustadt im Altai. Benannt ist die Stadt nach dem Bergingenieur Philipp Ridder, der Ende des 18. Jahrhunderts die Gold-Silber-Kupfer-Zink-Lagerstätte entdeckte. Als Humboldt die Stadt besuchte hieß sie Riddersk, in der Sowjetunion Leninogorsk und jetzt eben einfach Ridder. Die Stadt sieht so aus, wie man sich eine Bergbaustadt im Altai vorstellt: in einem Tal gelegen, umgeben von hohen, schneebedeckten Bergen.

Zuerst Besichtigung und Empfang im örtlichen Museum, dann weiter ins Haus der Kulturen der Völker, in der auch der Verein der Deutschen in Russland seinen Sitz hat. Sie versuchen die deutschen Traditionen im Altai hoch zu halten, wenn auch von außen gesehen scheinbar eigenartig. Das sagt aber nichts über ihre Absichten und ihre Einstellung zu dem Land ihrer Vorväter.

Danach ging es ins Gelände. Von einem Hügel über der Stadt und später im Museum erklärte uns der ehemalige Chefgeologe der Gruben Geschichte und Aufbau der Lagerstätten, auch anhand von Mineralstufen und Karten. Die fünf bis zu 1.000 Meter tiefen Gruben sind heute zu 51 Prozent im Besitz eines schweizerischen Bergbauunternehmens und fördern rund 1,5 Millionen Tonnen Zinkerz. Leider unterbrachen heftige Gewitter die Feldarbeit. Sie „tobten“ bis zu unserer Rückkunft nach Ust-Kamenogorsk und halten auch jetzt noch an. Morgen fahren wir noch einmal nach Ridder.

Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Altai bei Ridder.

Tag 16: Noch einmal Ridder

Heute ist der letzte echte Exkursionstag. Es ging wieder die mehr als 100 Kilometer nach Ridder, aber diesmal ohne Museum, sondern mit dem ehemaligen Chefgeologen Witali Iwanowitsch gleich ins Gelände. Zuerst die Grube, die Humboldt 1829 befahren hat. Rose konnte damals nicht mit einfahren, es ging ihm wohl sehr schlecht. Außer ein wenig Azurit und Baryt (Schwerspat) kann man nach 190 Jahren nichts finden. Dann entlang einer Straße große Erzbrocken, die einen guten Einblick in die derzeit geförderten Erze geben. Einzeln bzw. mit vereinten Kräften wurden von dem extrem harten Gestein Proben genommen: Bleiglanz, Zinkblende, Chalkopyrit und wahrscheinlich Bornit (Buntkupferkies).

Nach einem diesmal kurzen und vegetarischen Picknick fuhren wir noch zu den „Jaschma“-Brüchen ganz in der Nähe. Jaschma ist ein russischer Sammelbegriff für alle möglichen SiO2-reichen Gesteine. Wir würden Hornstein sagen, aber das trifft es eben nicht ganz. Bis in die 60er Jahre hinein wurde das Gestein gewonnen und in Kolywan zu Vasen und Schalen verarbeitet.

Nach herzlichem Abschied über zwei Stunden zurück nach Ust-Kamenogorsk. Dort eine erste Auswertung, die morgen fortgesetzt wird. 

Tag 17: Zurück nach St. Petersburg

Am Morgen waren wir noch in Ust-Kamenogorsk. Rose beschreibt die Stadt in seinem Reisebericht als „unansehnlich“. Daran hat sich auch nach 190 Jahren nicht viel geändert. Dann Rückflug über Nursultan (früher Astana). In St. Petersburg sind gerade die Weißen Nächte, wie das um 23 Uhr ohne Blitzlicht gemachte Gruppenfoto zeigt. Die Gruppe ist schon etwas abgebröckelt, da uns einige bereits am Flughafen verlassen haben. Morgen steht ein eher touristisches Programm an – übermorgen dann noch einmal ein Besuch in der Gorny-Universität.

Der Tag begann mit einer längeren Auswertung der Reise: Die einhellige Meinung war, dass die Forschungsreise sowohl inhaltlich als auch organisatorisch ein voller Erfolg war. Natürlich gibt es immer auch Verbesserungsmöglichkeiten. Die mitreisenden Filmer und Fotografen ließen eine erste Diashow laufen. Und schon bald heißt es dann für alle von uns: Do swidanja!

Zum Weiterlesen

Humboldt-Intervention im Museum für Naturkunde Berlin
Webseite zum Humboldt-Jahr mit Informationen zu Veranstaltungen und mehr
Buch "Alexander von Humboldt: Minerale und Gesteine im Museum für Naturkunde Berlin"

Ein letztes Gruppenfoto in St.Petersburg.